Manchmal erzählt Lilith die Gutenachtgeschichte, in freier Interpretation: «Das ist Fjonn. Und das ist Papi.» Ich bin etwas irritiert: «Aber Lilith, das ist doch eine Frau?» Lilith kümmert das wenig. Ebenso wie Fjonn, der sich gerne am Kleiderschrank seiner Schwester bedient: «Ist doch gemein, dass nur Lilith Röckli hat!» Krallt sich ein Kleid, zieht es an – und trägt es den ganzen Tag lang. Wären wir Erwachsenen so unvoreingenommen wie Kinder, es würde keine Rolle spielen, dass in der obersten Etage der Schweizerischen Eidgenossenschaft nur zwei Frauen sitzen. Und vielleicht, nach dem absehbaren Rücktritt von Doris Leuthard, bald nur noch eine. Was hat nun die bevorstehende Bundesratswahl mit unserem zukünftigen Familien- und Arbeitsalltag zu tun? Viel. Denn die jetzige Landesregierung hat damit herzlich wenig zu tun, wie mir jede Steuerrechnung zeigt. 

Die Wahrheit hinter der Steuerrechnung

Wir dürfen grosszügige 13’000.- Franken unserer Kinderbetreuungskosten bei der Bundessteuer abziehen. Blöderweise kostet uns die Betreuung unserer Kinder pro Jahr über 50’000.- Franken. Und nein, in unserer Kita wird weder Frühchinesisch noch Schach für Hochbegabte angeboten noch hat sie 24 Stunden geöffnet. Unsere Kinder werden auch nicht 5 Tage die Woche extern betreut, und wir müssen nicht eine ganze Kita für uns mieten, denn wir haben nur zwei Kinder. 

Im Kanton Zürich wird das Ganze noch absurder. Dort hat das Steueramt eben entschieden, Kitas als gewinnorientiert einzustufen und zu besteuern. Das gleiche Steueramt hat aber kein Problem, den milliardenschweren Weltfussballverband FIFA als gemeinnützig zu betrachten und ihn nicht wie eine normale Kapitalgesellschaft zu besteuern. Dass etwas falsch läuft, findet übrigens auch unser Finanzminister im Bundesrat. Er möchte die Steuerbelastung von Konkubinatspaaren mit Kindern noch ein bisschen erhöhen damit er den Steuerabzug von Einverdienerehepaaren finanzieren kann. Mit der unfreiwillig komischen Begründung, dass bei Konkubinatspaaren nicht definierbar sei, wann diese in ihrer Gefestigtheit an eine Ehe herankommen. Weil nicht etwa ein Kind, sondern eine staatliche Registrierung eine Beziehung festigt. Und wenn dann doch ein Kind da ist, dann muss halt ein Elternteil aufhören zu arbeiten. Jedenfalls ist der Bundesrat gegen die Verlängerung des Impulsprogramms für die Schaffung von Kitaplätzen

Wer nicht wirklich gerne arbeitet, verzichtet mit Kindern nach einer einfachen Rechnung schnell einmal darauf, ihre durch Steuergelder finanzierte Ausbildung auch einzusetzen und im Beruf zu arbeiten. Das ist das Recht jeder Frau und jedes Mannes. Ökonomisch sinnvoll ist es aber nicht. Und es erhöht damit die Steuerlast eines jeden von uns.

Realitätsfern

Das scheint bei unserer Landesregierung nicht angekommen zu sein. Sie fühlt sich wohl darin, immer alles beim Alten zu lassen. Aus der Komfortzone holen kann den Bundesrat nur, wer ihn auf den Boden des heutigen Lebens bringt. Dafür braucht man eine Aussenperspektive, und die haben Frauen im Bundesrat bekanntlich zwangsweise. Eine Frau wurde 2006 in den Bundesrat gewählt. Diese Frau hat dann schnell festgestellt, dass Kinder auch Väter haben und die Väter ihre neugeborenen Kinder vielleicht auch ein paar Tage sehen möchten. Sie wollte deswegen für ihre Mitarbeiter einen Vaterschaftsurlaub von fünf Tagen einführen. Ihre Kollegen liessen sie auflaufen und pfiffen sie zurück. Mit der lustigen Begründung, sie wollten keinen Wettlauf unter den Departementen. Bundesrätin Doris Leuthard hat sich später dann doch durchgesetzt, in zwei Schritten wurde der Vaterschaftsurlaub in der Bundesverwaltung gar auf zehn Tage erhöht.

Bevorstehende Bundesratswahl

Unterdessen sind die Herren Bundesräte wieder fast unter sich und konnten so im Oktober die Initiative für einen 20-tägigen allgemeinen Vaterschaftsurlaub gemütlich beerdigen– sie brauchten ihn ja nicht, ihre Frauen haben sich auch ohne sie um den Nachwuchs gekümmert. Nein, mit unserer Zukunft hat dieser monochrome und monodenkende Bundesrat nichts zu tun. «Mittlerweile», so die Präsidentin der CVP-Frauen Babette Sigg, «sollte jede und jeder verstanden haben, dass auch zwei Bundesrätinnen nicht reichen». Ich jedenfalls habe es verstanden.

Lilith auch. Sie hat sich meine Zeitung gegriffen, aber schnell wieder gelangweilt weggelegt: «Ach, da sind doch immer nur Bilder von alten Männern drin». Die Wimmelgeschichte regt ihre Fantasie jedenfalls mehr an: «Das ist Papi, der eine Frau ist.»

 

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Vera Beutler

Vera Beutler ist Juristin, Journalistin und Mutter zweier Kinder. Sie liebt ihre Familie sowie ihren Job – und hat bis heute nicht verstanden, warum beides zusammen nicht möglich sein soll.