Die Schweiz braucht keine Kinder und keinen Vaterschaftsurlaub

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«Lilith! Fjonn! Ihr seid zwei kleine Nervensägen!» Die beiden Goldstücke sitzen auf dem Sofa und treiben mich wieder mal zur Weissglut. Bis jetzt habe ich immer gedacht, die nervigen Phasen seien vorübergehend und primär mein Problem. Seit ein paar Tagen weiss ich aber, dass meine Kinder ein nachhaltiges Problem für die Schweiz, ja für die ganze Welt sind.  Zurückzuführen ist dies auf meinen nicht durchdachten, verantwortungslosen und egoistischen Entscheid, sie zu bekommen. Das jedenfalls ist das Fazit eines jüngst erschienenen Kommentars zum Vaterschaftsurlaub mit dem sinnigen Titel «Kinder sind ein Ego-Projekt» in der NZZ. Anlässlich der aktuellen Debatte um den Vaterschaftsurlaub hat uns die Autorin verdankenswerterweise darüber aufgeklärt, dass die Schweiz keine Kinder mehr braucht. Deswegen sollten jegliche Anreiz, noch welche zu bekommen, sinnvollerweise ausgemerzt werden. Tja, da meine Kinder nun mal halt schon da sind, habe ich ein paar Argumente im Artikel etwas näher angeschaut.

Argument 1: Kinder als Projekt

Das erste Argument: Eben, Kinder sind ein Projekt. Dazu noch ein Egoprojekt: «Kinder aufzuziehen, kann unbestreitbar viel Freude bereiten. Aber Eltern sollten sich Rechenschaft darüber ablegen, dass sie diese Freude vorab sich selber machen». Und dieses Projekt – gemäss Wikipedia übrigens ein «zielgerichtetes, einmaliges Vorhaben, das aus einem Satz von abgestimmten, gesteuerten Tätigkeiten mit Anfangs- und Endtermin besteht und durchgeführt wird – soll gefälligst genau geplant werden, um mit den Gören und Jungs dann niemanden zu stören und zu belasten. Als Beispiel für diese Belastung bringt die Autorin ausgerechnet die hohe Sozialhilfequote von alleinerziehenden, jungen Müttern. Das ist absurd: Indem alles, was berufstätige Eltern unterstützt, also auch der Vaterschaftsurlaub, abgelehnt wird, treibt man doch die alleinerziehenden Mütter genau in die Armutsfalle!  

Argument 2: Kinder kosten die Gemeinschaft mehr, als sie ihr etwas bringen

Das zweite Argument, mit Bezug auf einen «bekannten» – oder anders gesagt provokativen und deswegen gerne zitierten – Ökonomen: «Rein finanziell betrachtet kostet ein Kind die Gemeinschaft im Durchschnitt also mehr, als es ihr bringt». Ja Kunststück, wenn Tausende gut ausgebildeter Frauen gar nicht oder nur mit einem Minipensum in den Beruf zurückkehren. Was hier Abhilfe schafft, neben einer ausgebauten und finanziell stemmbaren familienexternen Betreuung: Vaterschaftsurlaub. Der führt laut der britischen Zeitung „The Economist“ nämlich dazu, dass sich Väter mehr für die Kinder verantwortlich fühlen, was es wiederum den Müttern erlaubt, sich im Job mehr zu engagieren. Wer also gegen die finanzielle Förderung der Vereinbarkeit argumentiert, kann nicht ernsthaft behaupten, er denke ökonomisch.

Argument 3: Überbevölkerte Schweiz

Das dritte Argument: Die Schweiz sei eh schon überbevölkert. Ja, natürlich, die Bevölkerungszahl wächst. Die Geburtenziffer auch. Sie ist aber noch weit entfernt von der Zahl die notwendig ist, um die Bevölkerung zu erhalten. Das ist nicht weiter tragisch, da dies durch Immigration aufgefangen werden kann und wird. Nur, wie viel Sinn macht es, in der Schweiz auf Wunschkinder zu verzichten, wenn in anderen Ländern Frauen noch so gerne weniger Kinder hätten, dies aber mangels Bildung und mangels Zugang zu Verhütungsmittel nicht durchsetzen können? Dass eine bessere Bildung die Geburtenrate in Ländern mit einer explosionsartig wachsenden Bevölkerung senkt, kann im Übrigen in der NZZ nachgelesen werden.

Argument 4: Den CO2-Ausstoss dank Verzicht auf Kinder eindämmen

Das vierte Argument, mit Bezug auf eine schwedische Studie, die Kinder als hauptverantwortlich für den Klimawandel identifiziere: Kinder würden den ohnehin begrenzten Platz noch beengter machen. Das ist nun doch etwas kurios, sagt doch die Autorin selbst: «Die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen ist zwingend für den gedeihlichen Fortbestand der Menschheit». Ich muss wohl in der Biologie schlecht aufgepasst haben, aber ich habe nicht ganz begriffen, wie das mit dem Fortbestand der Menschheit ohne Kinder funktionieren soll. 

Gegenseitiger Respekt ist gefragt!

Das Fazit der Autorin: Wer sich unbedingt das Hobby Kind leisten wolle, solle das auch selbst bezahlen. Diese Logik ist genauso halbintelligent, wie wenn ich fordern würde, dass die dereinstigen AHV-Beiträge meiner Kinder nur für mich und andere Eltern ausgegeben werden und die kinderlosen Personen bitteschön selber schauen sollen, wie sie sich ihren Lebensabend finanzieren möchten. Spätestens meine beiden Egoprojekte haben mich aber gelehrt, dass das Leben erst richtig schön ist, wenn wir für andere da sind. Für Freunde, für Partner oder für Kinder. Oder für Andersdenkende. Deswegen respektiere ich alle, die sich für Kinder entscheiden und alle, die sich gegen Kinder entscheiden. Solange dieser Respekt auf Gegenseitigkeit beruht.

Lilith war übrigens gar nicht einverstanden mit meiner Einschätzung: «Nein! Mama! Fjonn ist eine kleine Nervensäge! Ich bin eine grosse Nervensäge!»

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Vera Beutler

Vera Beutler ist Juristin, Journalistin und Mutter zweier Kinder. Sie liebt ihre Familie sowie ihren Job – und hat bis heute nicht verstanden, warum beides zusammen nicht möglich sein soll.

2 Kommentare

  1. Also eigentlich wurde mir von meinen Eltern, deren Egoprojekt ich vor drei Jahrzehnten mal war, ja bei gebracht, dass man solchen Schwachsinn, wie er von Frau Baer in ihrem Kommentar in der NZZ zum Besten gegeben wurde, mit Nichtachtung strafen soll……aber wenn wir schon mal dabei sind…….

    Eines der Hauptargumente gegen den Vaterschaftsurlaub sollen ja die damit verbundenen Kosten sein. Vielleicht bin ich als Nichtschweizer nicht vollumfänglich informiert aber hat mal irgendjemand eine Kosten/Nutzen Analyse des einzelnen Wehrpflichtigen im Schweizerischen Wehrdienst angestellt? Ich möchte niemandem zu Nahe treten aber intuitiv würde ich sagen, dass es weder für die einzelnen Waffengattungen noch für die Wirtschaft einen merkbaren Unterschied machen würde wenn man einem jungen Mann in dem Jahr, in dem er ein Kind bekommt, einen Vaterschaftsurlaub zu Lasten des jährlichen WKs gestattet. Jetzt mag man sagen, dass es für diejenigen, die keine Kinder bekommen, unfair ist wenn sie ins WK gehen müssen und andere nicht nur weil sie ein Kind gezeugt haben. Das mag sein aber ganz ehrlich, die ersten Wochen mit einem neu geborenen Egoprojekt halten sich beim Thema Spass haben doch wahrscheinlich mit dem WK die Waage.

    Wenn meine Vermutung stimmt dann würde man damit dem jungen Mann, der Mutter des Kindes und dem Kind selber einen riesen Dienst erweisen und zeitgleich weder die Armee noch die Wirtschaft merklich belasten.

    Jetzt mag man sagen, dass es für diejenigen, die keine Kinder bekommen, unfair ist wenn sie ins WK gehen müssen und andere nicht nur weil sie ein Kind gezeugt haben. Das mag sein aber ganz ehrlich, die ersten Wochen mit einem neu geborenen Egoprojekt halten sich beim Thema Spass haben doch wahrscheinlich mit dem WK die Waage.

    Grundsätzlich fühle ich mich in der liberalen Volkswirtschaft der Schweiz sehr wohl und geniesse die Tatsache, dass die Kräfte, die krampfhaft versuchen, einen Sozialstaat aus ihr zu machen noch recht schwach sind aber was wäre das Problem wenn man das Land etwas familienfreundlicher gestaltet ohne dass es einen merkbaren negativen Effekt auf irgendjemanden hat?

    Ich lasse mich bezüglich meiner Intuition gerne eines Besseren belehren aber solange das nicht geschieht, bleibt der Beitrag von Frau Baer für mich ein schwachsinniger Beitrag.

    Und an Frau Beutler, besten Dank für den gut formulierten und recht amüsanten Beitrag!

  2. Danke Karl für deine Überlegungen zum Thema Vaterschaftsurlaub anstelle vom Militärdienst.

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