«Mama. Wenn Papi Dir den Rücken massiert, musst Du ihn aber bezahlen!» Lilith schaut entschlossen. «Wie viel? 5 Rappen?»

Ich weiss nicht, ob hier Liliths grosselterlicher Migrationshintergrund hervorblitzte – sind doch für Schweizerinnen und Schweizer Gespräche über Lohn in der Unanständigkeitsskala ganz weit oben. Sites für Expats warnen eindringlich davor über den Lohn zu sprechen, wenn man in der Schweiz noch Freunde finden will. Dieses Schweigen ist ja auch ganz praktisch: So müssen wir auch über die Tatsache, dass Frauen bis zum 24. Februar gratis arbeiten – oder anders ausgedrückt, dass frau 2018 in der Schweiz 39 Arbeitstage länger arbeiten muss, um auf den gleichen Lohn wie ein Mann zu kommen – nicht ernsthaft reden. Man kann ein paar Allgemeinplätze von sich geben wie «Selber schuld, wenn Frauen Tieflohnberufe ergreifen» oder «Frauen verhandeln halt nicht» oder verschiedene Variationen von «Frauen schiessen sich mit Teilzeit selbst ins Aus». Nur: Wiederholter Quatsch bleibt Quatsch.

Massnahmen für Lohngleichheit

Ob dies auch im Parlament angekommen ist? Immerhin hat die ständerätliche Kommission vor einigen Tagen beantragt, der Revision des Gleichstellungsgesetzes zuzustimmen. Damit sollen Unternehmen mit 100 oder mehr Angestellten – ganze 0.85 % der Unternehmen – verpflichtet werden, über den Lohn ihrer Angestellten zu reden: Sie sollen eine Lohngleichheitsanalyse durchführen. Nette Kosmetik. Unnötige Kosmetik, sagen immer noch einige Politiker. Diese behaupten – ich selbst behaupte, wider besseres Wissen – die Unternehmen würden sich aus eigenem Antrieb für die Lohngleichheit engagieren. Eine Kosmetikerin EFZ hat übrigens ein Anfangsgehalt von etwa 2600.- monatlich. Zum Vergleich: ein Maler EFZ gut 4200.- monatlich.

Lohnungleichheit entsteht nicht erst im Verlauf des Erwerbslebens, sondern bereits zu Beginn

Nun, gehen wir mal davon aus, dass diese sanfte Vorlage durchkommt. Wie weiter? Gar nicht, wie eine weitere Aussage vermuten lässt. Wenn es denn die Lohnungleichheit überhaupt gäbe, dann liege die Ursache bei den Frauen – diese verhandelten halt nicht über ihren Lohn. Frauen sind also schlicht zu schwach für den männerdominierten Arbeitsmarkt und können sich von Anfang an nicht durchsetzen. Dies könnte in der Tat einen Teil der rund 8 Prozent Gehaltsunterschied erklären, welche nicht mit Dienstjahren, Beschäftigungsgrad und Bildungsstand zu «rechtfertigen» ist. Auch wenn es natürlich wieder mal nicht so einfach ist, wie sich das einige Herren und leider auch einige Damen vorstellen. Wer als Mann um den Lohn verhandelt, wirkt selbstbewusst. Wer als Frau dasselbe tut, wirkt arrogant und überschätzt sich selbst. Den Job deswegen vielleicht gar nicht zu bekommen, ist nunmal auch nicht gerade lukrativ. Eine Pharmaassistentin EFZ verdient im ersten Anstellungsjahr übrigens etwa 4000.-. Ein Informatiker EFZ ungefähr 4600.-.

Und dann die sich immer wiederholende Geschichte von der «Teilzeitfalle». Dass es vor allem Mütter sind, die mit dem Mutterwerden einen Karriereknick durchmachen, ist diesen Müttern ganz selbst zuzuschreiben. Die sind einfach zu blöd um zu begreifen, dass Arbeit nur dann wertvoll ist, wenn sie in Vollzeit erledigt wird. Nett in diesem Zusammenhang die Aussage einer anonymen «58 – jährigen Abteilungsleiterin» in der Sonntagszeitung des letzten Sommerlochs: «Die jungen Frauen erlebe ich generell als kecker als die jungen Männer. Nur beunruhigt mich ihre Lebensplanung: Bevor viele dieser talentierten Frauen überhaupt 30 sind, reden sie schon von einem Teilzeitpensum wegen der Kinder, die sie noch gar nicht haben, wie wenn sie sich die Familienarbeit nicht mit ihrem Partner aufteilen könnten.» Was genau soll denn das bedeuten? Dass die Fähigkeit zum vorausschauenden Denken was Schlechtes ist? Dass eine gute Berufsfrau nur sein kann, wer kein anderes Leben ausserhalb des Jobs hat? Das Stupide ist doch nicht, dass Mütter Teilzeit arbeiten wollen. Das Stupide ist doch vielmehr, dass Väter nicht Teilzeit arbeiten wollen und / oder können. Zahlen zu dem Anfangsgehalt einer Fachfrau Betreuung Kleinkinder EFZ (Kitafrau) sind übrigens schwierig zu finden, in Bern wird ein Anfangsgehalt von gut 4400.- empfohlen. Ein Maurer EFZ verdient im ersten Anstellungsjahr etwa 4700.-.

Lohntransparenz zwischen den Geschlechtern – und Branchen

In Realität alles etwas komplizierter, als einfach den Müttern die Schuld am Pay Gap in die Schuhe zu schieben und das Thema abzuhaken. Also – reden wir weiter darüber: Warum wird in der Schweiz so ein Theater schon nur um die Lohntransparenz gemacht, wenn es Island gleich für illegal erklärt, ungleiche Löhne zu bezahlen? Warum müssen wir im Jahr 2018 noch darüber reden, dass Frauen sich schlecht verkaufen? Warum müssen wir uns dafür rechtfertigen, dass wir Kinder erziehen und die entsprechenden Kompetenzen in den Beruf einbringen? Oder eben: Warum verdient, wer ein Gesicht verschönert, weniger, als wer eine Wand auffrischt? Warum leistet weniger, wer kranken Menschen Linderung verschafft, als wer kranke Computer wieder zum Funktionieren bringt? Warum ist es weniger wert, Kindern beim Wachsen zu helfen, als Mauern wachsen zu lassen?

Aber nur fragen allein reicht nicht allen. Einige Frauen schleichen sich still und heimlich in «Männerberufe», ohne dass das jemand merkt. So soll es beispielsweise seit neuestem mehr Malerinnen als Maler geben. Und: Bis jetzt hat sich in diesem Beruf die These «Durchschnittslohn sinkt, wenn Frauenanteil steigt» nicht bewahrheitet. Meine Tochter hat für ihren Papi übrigens dessen Zielgehalt kurz überschlagen. Und dann zu meiner Verhandlungsbasis gemeint: «Nein, das ist zu viel».

 

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Vera Beutler

Vera Beutler ist Juristin, Journalistin und Mutter zweier Kinder. Sie liebt ihre Familie sowie ihren Job – und hat bis heute nicht verstanden, warum beides zusammen nicht möglich sein soll.