Hartnäckiges Rollenmodell – Vereinbarkeit soll kein Frauenthema bleiben!

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In mein Leben als berufstätige Mutter bin ich quasi hineingestolpert. Bis ich schwanger war, ja nicht einmal bis zur Geburt, habe ich nicht eine müde Sekunde daran gedacht, dass es ein Problem sein könnte, mit einem Kind seinen Job weiterzumachen.

Das war bestimmt naiv. Aber für mich galt seit der Schul- und Unizeit und auch während meinen ersten Jobs, dass die Zeit, in der Frauen anders als Männer behandelt werden, schon ganz lange hinter uns liegen würden. Ich fühlte mich gleichberechtigt bis – ja, bis wir Eltern wurden.

Warum sich ein traditionelles Rollenmodell hartnäckig hält

Nach der Geburt bekam mein Mann von seinem Arbeitgeber zwei Wochen bezahlten Vaterschaftsurlaub – damals für mich selbstverständlich. Nach Gesetz ist es aber gerade einmal ein Tag, der den Vätern zur Verfügung steht, wenn es keine private Regelung gibt. Die Geburt dauerte sehr lange und mir ging es danach nicht besonders gut. Mein Mutterschaftsurlaub von 16 Wochen reichte nicht aus, um mich zu erholen. Zum Glück hatte ich schon vorher die Möglichkeit eines unbezahlten Urlaubs mit meinem Arbeitgeber besprochen.

Während der sechs Monate, die ich nach der Geburt zu Hause blieb, rutschten wir als Paar aber unabdingbar ins traditionelle Rollenmodell: Ich besorgte den Haushalt, mein Mann brachte das Geld heim, war beruflich viel unterwegs. Nicht, dass das schlimm wäre, grundsätzlich soll jeder frei sein, sein Lebensmodell zu bestimmen. Nur für mich war klar, dass ich wieder zurück an den Arbeitsplatz wollte – ich hatte immerhin eine lange Ausbildung hinter mir und wollte auch zum Unterhalt der Familie beitragen.

Als ich wieder zu arbeiten begann, blieb es allerdings zuhause bei erwähnter Aufgabenaufteilung. Obwohl mich meine 60-Prozent-Stelle als Newsjournalistin forderte, blieb der Haushalt und all die kleinen organisatorischen Sachen an mir hängen. Der erste Winter mit Dauerschnupfen, Hand-Mund-Fuss-Seuche und was es alles gab, erforderte zudem das Kind ausserplanmässig zu Hause betreuen zu lassen – was in vielen Fällen meinen Einsatz erforderte – und beim Chef die Bemerkung „I am not amused“ provozierte.

Vereinbarkeit ist ein Frauenthema

Ja dieser vielbeschworene Hut, den man als Frau so trägt – auch er schwoll bei mir von einem chicen Fascinator zu einem ausgeleierten, breitkrempigen Schlapphut an, in dem irgendwie alles Platz haben musste. (An dieser Stelle ein kleiner Einschub: Die Sicht der Väter und ihre Belastung soll nicht in Abrede gestellt werden – Blog zu diesem Thema folgt bestimmt!)

Trotzdem: Es besteht noch immer die gesellschaftliche Annahme, dass Mütter besser als Väter für die Kinderbetreuung geeignet sind. Es besteht noch immer die unausgesprochene Erwartung, dass nur die Frauen ihre Pensen nach der Geburt reduzieren. Das Steuerrecht bestraft Doppelverdiener und belohnt tiefe Teilzeitpensen der Zweitverdiener. Und Frauen verdienen in der Regel noch immer weniger als Männer – was den Schritt, zuerst zu reduzieren und dann ganz zu Hause zu bleiben, noch weiter fördert.

Kurz gesagt: Vereinbarkeit ist ein Frauenthema, das die Männer kaum oder nur am Rande betrifft. Sie werden nach der Geburt quasi aus der Verantwortung katapultiert, weil sie keinen Vaterschaftsurlaub haben, weil es gesellschaftlich nicht anerkannt ist, weil sie Karriere machen und die Familie ernähren sollen.

Es gibt Bestrebungen in der Schweiz, einen Vaterschaftsurlaub einzuführen – eine Volksinitiative fordert zwei Wochen. Aus meiner Sicht ist das allerdings ein Witz. Zwei Wochen reichen überhaupt nicht aus, die Verantwortlichkeiten gleichberechtigter Eltern aufzuteilen. Ein egalitärer Elternurlaub von je 10 bis 12 Wochen wäre aus meiner Sicht eindeutig besser.

Mit dem Vaterschaftsurlaub ist es natürlich nicht getan. Aber es würde zumindest in der Anfangszeit nicht sofort die traditionellen Rollenmodelle zementieren. Danach gibt es weiterhin viel zu tun – angefangen bei einer Revision des Steuerrechts, über weniger Bürokratie für Krippen und Nannies, bis hin zu flexibleren Arbeitsstellen auch für Väter.

Jobs für Mama und Papa

Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, dass sich junge Frauen und Männer schon vor der Familiengründung bewusst sind, wie sie später gemeinsam das Geld verdienen wollen. Zudem: Frauen sind zunehmend gut oder gar besser als ihre Partner ausgebildet. Gerade wenn die Frauen es verpassen, schon vorher Pläne zu schmieden, wie sie Kinderbetreuung, Job und die Aufteilung mit dem Partner organisieren wollen, landen sie ganz bestimmt in der Vereinbarkeitsfalle – so wie ich damals.

Jobsfürmama leistet einen wichtigen Beitrag für eine bessere Vereinbarkeit – alle Jobs eignen sich übrigens auch für die Väter!

 

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Nadine Jürgensen

Nadine Jürgensen ist Journalistin, Kolumnistin und Moderatorin. Sie ist Juristin mit Anwaltspatent und Mutter von zwei Mädchen. Punkto Vereinbarkeit ist die Schweiz für sie noch immer ein Entwicklungsland – und hat viele Ideen, wie das zu verbessern wäre.

7 Kommentare

  1. Der Text könnte inhaltstechnisch von mir stammen. Es geht mir genau gleich. Mit auch bald 2 Kindern ist die Kinderbetreuung (Kindergarten, Krippe, Hort, Schulferien) nur noch ein mühsames Jonglieren oder ein teures Unterfangen. Davon ab- gesehen, ist eine beruflich tätige Frau mit 2 Kindern noch mehr in der Schusslinie. „Warum hat man 2 Kinder und möchte auch noch arbeiten? Warum haben Sie studiert, wenn Sie Kinder wollten?“ Der Mann hingegen wird oftmals in den Firmen belächelt, wenn er Teilzeit (80-90%) arbeitet. Oft werden auch klar nur Mitarbeitende mit einem 100% Pensum befördert.

  2. Seit über 10 Jahren ist die Maturitätsquote der Frauen höher als jene der Männer. Wird nur die gymnasiale Matura betrachtet, ist dies schon länger der Fall (s. Statistiken des BFS). Doch in der Arbeitswelt spiegelt sich das überhaupt nicht wider. Diese Diskrepanz ist mir ein Rätsel.Tatsächlich ging es mir bis zur Geburt des ersten Kindes genau gleich wie der Autorin. Wohl genau deshalb war ich in Frauenfragen bis anhin viel zu untätig, zu bequem. Doch patriarchische Strukturen sind immer noch allzu verbreitet. Dagegen hilft wohl nur beharrlich zu bleiben und für die eigenen Rechte zu kämpfen. Uns und unseren Töchtern und Söhnen zu Liebe.
    Meine ganz persönliche Erfahrung: mit einem Kind konnte ich noch recht „modern“ sein und das Familienmanagement partnerschaftlich teilen. Mit dem zweiten Kind wurde es dann richtig traditionell.

  3. Simon Affentranger

    17. Februar 2017 at 11:22 pm

    Die Initiative fordert übrigens vier Wochen. Und ich stimme inhaltlich zwar mit Ihnen überein. Gleichzeitig können Sie Ihre Rollenverteilung, abgesehen von den ersten paar Monaten, gleichgestellt organisieren. Man muss es allerdings konsequent verfolgen und halt etwas gegen den Strom schwimmen. Dann merkt man auch, dass wir kein Entwicklungs-, sondern nur noch ein Schwellenland sind.

    • Jill Altenburger

      18. Februar 2017 at 5:25 pm

      Vielen Dank Simon für Deinen Beitrag.

    • Nadine Jürgensen

      18. Februar 2017 at 9:14 pm

      Danke für Ihren Kommentar – es stimmt, es sind 20 Tage und nicht 2 Wochen, welche die Initiative fordert, offenbar wurde das in der Zwischenzeit angepasst. Habe das im Text angepasst. Wer gegen den Strom schwimmt, der schafft alles – Kompliment, wenn es Ihnen gelingt. Dennoch bin ich der Ansicht, dass staatlich nicht nur ein bestimmtes Familienmodell gefördert werden sollte – aber dazu mehr ein anderes Mal.

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