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«Mama, das kannst du doch erledigen, wenn wir im Bett sind», meinte Lilith Augen rollend, als ich das Kinderbespassungsprogramm zwecks Bodigung des Wäschebergs kurz unterbrach. Der übliche Abendevent, der so gar nichts zu der Hälfte der Miete für eine erfolgreiche Karriere beiträgt: Geschätzte 50% soll ein aktives Netzwerken zu dem beruflichen Erfolg beitragen. Nun gut, offen gestanden sind Kinder und Wäscheberge für mich eine ganz gute Entschuldigung, nicht Zeit mit Menschen zu verbringen, mit denen mich als einziger gemeinsamer Nenner die Ausbildung oder der Job verbindet.  

Als Spinne am Netzwerken

Und ich bin hier in guter Gesellschaft. Frauen mögen das Netzwerken nicht. Was wir erreichen, wollen wir ausschliesslich mit unserer eigenen Kompetenz und Leistung schaffen. Nur leider scheinen Studien zu beweisen, dass wir damit auf dem Karriereleiterchen nicht weiterkommen. Es ist ja immer so eine Sache mit Studien, die beweisen noch schnell etwas. Nur: Jede vierte Stelle in der Schweiz wird gar nicht öffentlich ausgeschrieben. Wenn diese Arbeitgeber nicht mit Telepathie arbeiten, dürfte das Netzwerken eine zentrale Rolle spielen. Als Spinne dabei sein kann, wer in der richtigen Partei, im richtigen Verein, in der richtigen Familie und bereit ist, mit den richtigen Leuten regelmässig Zeit zu verbringen. Das hat auch die Chefin einer Freundin begriffen. Sie war so stolz auf ihre Erkenntnis, dass sie in ihrer Agenda jeweils nur einen einzigen Termin nicht auf privat geschaltet hatte: Das allwöchentliche Essen in der trauten Runde eines Serviceclubs.

Als Fliege am Netzwerken

Als Fliege dabei ist, wer das Ganze nicht begriffen hat. Beliebte Fliegen sind Mütter. Wer nach dem Mutterschaftsurlaub in den Job zurückkehrt, ist ohnehin oft schon im Karriereabseits. Ist ja auch ganz logisch. Wer vor der Geburt der Kinder kompetent war, muss nach der Geburt neu beweisen, dass sich mit eben dieser Geburt nicht auch die Hirnzellen verabschiedet haben. Und das geht offenbar – richtig geraten: Mit weiterhin fleissigem Netzwerken. Zunächst einmal im Rahmen der Arbeitsstelle. Nicht zu Bürozeiten, nein, gerne abends und über Nacht. Eine Freundin ist nach ihrem Mutterschaftsurlaub in den Job zurückgekehrt. Sie hat ihr Kind noch voll gestillt. Bei einem spontan einberufenen Seminar mit Übernachtung musste sie forfait geben – Milch für 48 Stunden abzupumpen lag nicht drin. Sie reiste also erst am Folgetag an. Mit spitzer Stimme hat sie der Chef vor versammelter und brav am Vorabend angereister Mannschaft namentlich willkommen geheissen und sich dafür entschuldigt, dass sie nun halt leider nicht alle Infos direkt mitgekriegt habe. Die Freundin hat verstanden und kurz darauf die Firma verlassen.

Netzwerken neben Beruf und Familie 

So deutlich wird frau selten abgeschrieben. Aber wer von uns hat nicht schon abgewinkt, als sich Kollegen oder die Chefin noch kurz ein spontanes Feierabendbier genehmigen wollten? Oder hat sich aus der lebhaften Diskussion in der Mittagspause verabschiedet, weil sie am Abend zeitig nachhause wollte, um die Kinder noch wach zu sehen? Oder sich beim Gedanken erwischt, man könnte in einem eng geknüpften Netzwerk leichter leben?

Ich jedenfalls habe mich auch schon selber bemitleidet, mir aber dann auch selber wieder einen gedanklichen Tritt irgendwohin gegeben. Denn: Wollen wir in Karrierenetzwerken sein, wenn sie primär unserem Ego dienen? Wollen wir in Firmen arbeiten, welche eine Altherren-Kommunikationskultur zelebrieren? Wollen wir einen Chef, der von Mitarbeitenden erwartet, dass sie bei Fuss stehen, wenn ihm nach einem Feierabendbier ist? Ich jedenfalls nicht. Und genau mit dieser Haltung bin ich im Arbeitsleben immer wieder – und glücklicherweise auch im aktuellen Job – an Menschen geraten, deren fachliche Fähigkeiten ich schätze und die ich gleichzeitig als Menschen mag. Wir hatten und haben, das kam jeweils früher oder später aus, einen gemeinsamen Nenner: Wir mögen Klüngeleien nicht, sondern setzen auf Persönlichkeit und Ergebnisse. Und diesen gemeinsamen Nenner mag ich. Denn um diesen zu behalten, muss ich nicht contre coeur einem Club beitreten. Mit diesen Menschen kann ich arbeiten und muss nicht taktieren. Die Bewertung unserer Leistungen hat keinen Zusammenhang mit dem abendlichen Promillegehalt im Blut. Aus diesem gemeinsamen Nenner ist im Übrigen – ein spannendes und erfolgreiches Netzwerk entstanden. Aus berufstätigen Müttern und Menschen, die in berufstätigen Müttern aus gutem Grund grosses Potential sehen.

Auf Lilith’s Kommentar habe ich übrigens müde geantwortet: «Du Lilith, ich möchte aber auch einmal schlafen!» Meine Tochter schaute mich konsterniert an: «Warum?»

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Vera Beutler

Vera Beutler ist Juristin, Journalistin und Mutter zweier Kinder. Sie liebt ihre Familie sowie ihren Job – und hat bis heute nicht verstanden, warum beides zusammen nicht möglich sein soll.