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„Aber Papi hat gesagt, ich darf das!“ Lilith schaut zufrieden auf ihr Werk: Ihren patschnassen Bruder Fjonn, der in voller Kleidung in der Dusche steht. Schnappatmend brülle ich nach dem Papi – der auftaucht, die Augen verdreht und den Kopf schüttelt. Zugetraut hätte ich es ihm im ersten Moment. Viele Frauen und Männer leben noch immer in verschiedenen Welten. Als sich der Vater meiner Kinder vor langer Zeit für einen halbjährigen Auslandeinsatz verabschiedet hat, erklärte am dazugehörenden Infoanlass irgendein Mensch auf der Bühne, dass es am Einsatzort einen Wäscheservice gebe: Man könne die dreckige Wäsche gratis heimfliegen lassen, auf dass sie zuhause von der Frau/Mama/Freundin gewaschen würde. Ich hielt das für einen Witz. Bis ich merkte, dass ich die einzige war, die lachte. Ich kuckte meinen Partner kurz an. Jegliche Diskussion darüber, ob er diesen Service in Anspruch nehmen sollte, hatte sich damit erübrigt.

Warum es nicht immer einfach ist Betreuungs-und Erwerbsarbeit gleichzeitig auf Vater und Mutter zu verteilen

Heute mache ich allerdings tatsächlich meist die Wäsche für die ganze Familie. Die statistischen 71 Arbeitsstunden pro Woche – Familie, Job, Haushalt – dürften hinkommen. Wer darüber schreibt und die Frage stellt, ob das stemmbar ist, sollte in Deckung gehen: Eine Jammerei sei das, so die Kommentatoren zum jüngsten Artikel zum Thema. Selber Schuld seien die Frauen, wenn sie unbedingt alles haben wollten. Sowieso seien heutzutage die Männer die armen Schweine. Diese sollen engagierte Väter und aktive Hausmänner sein, aber gleichzeitig wie seit jeher Frau und Kinder finanzieren. Wasser auf die Mühlen dieser ihrerseits jammernden Menschen ist ein neueres Bundesgerichtsurteil. Unerbittlich verdonnerte das höchste Gericht einen Mann, der seinen gut bezahlten Job aufgegeben hat, zu den ursprünglichen Unterhaltszahlungen. Der Vater hat die Mutter seiner Kinder mehrfach vergewaltigt und offen zugegeben, dass er den Job nur geschmissen hat, um seiner Ex-Frau zu schaden. Und gleichwohl wird das Urteil kritisiert und gefordert, dass die Gerichte die Pflicht zur Betreuungs- und Erwerbsarbeit gleichmässig auf Vater und Mutter zu verteilen haben. Das ist, mit Verlaub, Quatsch. Ob sich eine Familie für das Ein- oder Doppelverdienermodell entscheidet, ist deren Sache. Die Familie trägt dann aber auch die Verantwortung und die Konsequenzen. Man kann nicht exklusiv getrennte und geschiedene Elternpaare zum Doppelverdienermodell zwingen. Und wenn doch, bitte gleichzeitig sicherstellen, dass genügend Kita- und Tagesschulplätze vorhanden sind, Eltern auf dem Arbeitsmarkt nicht diskriminiert werden und dann noch kurz das einfache Problem lösen, wie ein lange Zeit nicht erwerbstätiger Elternteil innert Kürze wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden kann.

Warum beide Elternteile nach einer Scheidung Konsequenzen tragen

Klar ist es nicht einfach für die heutigen Väter. Gerade nach einem Beziehungsende, egal ob bei Konkubinat oder Ehe: Wer sich als Einverdiener trennt oder sich scheiden lässt, zahlt eben Betreuungsunterhalt. Das ist regelmässig frustrierend – der Einverdiener sieht, wie viele Mütter arbeiten, muss es aber seiner Ex-Partnerin ermöglichen, zuhause bei den Kindern zu bleiben. Allerdings sind heute rund vier Fünftel der Mütter erwerbstätig. Bei diesen Familien stemmen beide Elternteile im Idealfall möglichst gleichmässig sowohl die Betreuungs- als auch die Erwerbsarbeit. Und dann ist es auch folgerichtig, dass beide Elternteile nach einer Trennung mehr leisten als vorher – beide sind nun dafür verantwortlich, dass zwei Familienhaushalte betreut, finanziert und organisiert werden müssen.

Warum Väter nicht den Schritt zum Teilzeitjob wagen

Und damit sind wir zurück bei Doppelverdienerfamilien, wie wir es eine sind. Wir sind beide regelmässig, abwechslungsweise und gleichberechtigt am Rand des erschöpften Wahnsinns. Aber doch scheint mir, dass ich mich darin besser zurechtfinde. Während ich mich nämlich schon lange mit den möglichen Herausforderungen von Beruf und Familie auseinandergesetzt – die weiblichen Familienmitglieder der vorherigen Generation konnten sich ihre Lehr- und Uniabschlüsse irgendwann als Erinnerung ins Fotoalbum kleben – und mich mit den Konsequenzen soweit arrangiert habe, werden die Väter ins kalte Wasser der neuen Realität geschmissen. Sie haben als Rollenvorbild ihre Väter, welche schon immer Vollzeit gearbeitet haben. Als einmal ein Vater eines Schulkollegen arbeitslos wurde, hatte der seine Geburtstagsfeier abgesagt. Ein Vater ohne Job ist der an sich unvorstellbare Super-GAU, der die Existenz der Familie gefährdet. Und diese Mentalität scheinen die heutigen Väter nicht abstreifen zu können. Sie wollen alles vermeiden, was ihre Ernährerrolle gefährdet. Nahezu 90 Prozent arbeiten Vollzeit. Zum Vergleich: Unter den Nichtvätern sind es 80 Prozent. Die Väter wollen zwar mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, arbeiten aber lieber nachts und am Wochenende ihre Mails ab, um ihre Kinder mindestens am Abend kurz zu sehen – anstatt den Schritt in die Teilzeit zu wagen. Sie befürchten, teilweise zu Recht, karrieretechnisch abgeschossen zu sein, wenn sie darum bitten. Und da sie sich nach wie vor als der Ernährer fühlen, wollen oder können sie dieses Risiko nicht eingehen.

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Warum es neue Vorbilder braucht

Damit sich das ändert, braucht es wohl einfach noch eine Generation: Genauso wie meine Tochter weiss, dass auch ich Geld nachhause bringe, sieht mein Sohn seinen Vater oft in der Küche (ok, das hat eher mit meinen bescheidenen Kochkünsten zu tun), als Kitachauffeur und aktuell im Urlaub am Kämpfen mit der Waschmaschine. Meine Kinder tun sich also bereits leichter mit der Idee, dass beide Elternteile erwerbstätig sein und Wäsche waschen können. Unsere Welten nähern sich an.

Bis dahin nutzt Lilith aber mit Wonne den nach wie vor offensichtlichen Kulturkampf zu ihrem Vorteil. Ich kucke meine Tochter entnervt an: „Du Lilith, Papi weiss aber nichts davon, dass er dir das erlaubt hat?!“ Lilith ohne mit den Wimpern zu zucken: „Weisst du, er hat es so leise gesagt, dass er es nicht gehört hat.“

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Vera Beutler

Vera Beutler ist Juristin, Journalistin und Mutter zweier Kinder. Sie liebt ihre Familie sowie ihren Job – und hat bis heute nicht verstanden, warum beides zusammen nicht möglich sein soll.