Vorsorge: Teilzeitpensum heisst Teilzeit-Rente

Viele Mütter reduzieren ihre Erwerbstätigkeit spätestens nach dem zweiten Kind – oder geben ihre Arbeit ganz auf. Ein langer Erwerbsunterbruch, Teilzeitarbeit, aber auch eine Scheidung können zu grossen Lücken in der Altersvorsorge führen.

Vorsicht, es droht Altersarmut

Es ist eine Geschichte, wie man sie schon so oft gehört hat: Eine Mutter beendet ihre Berufstätigkeit zugunsten von Kindern und Familie, der Ehemann arbeitet weiterhin zu 100 Prozent. Irgendwann, nach über 20 Jahren, trennt sich das Paar, die Kinder sind bald aus dem Haus, und die ehemalige Fachkraft und langjährige Hausfrau findet keinen Job. «Unvermittelbar» heisst dieses Phänomen im Fachjargon.

Sicherheit nur für traditionelles Familienmodell

Unser Sozialversicherungssystem ist auf ein traditionelles Familienbild ausgerichtet. Solange sich ein verheiratetes Paar nicht scheiden lässt, ist für denjenigen Ehepartner, der die Betreuungsaufgaben erfüllt, gesorgt. Er bzw. in den meisten Fällen ist es eben eine Sie, wird mitversichert. Kommt es zur Scheidung – und statistisch gesehen ist das jede zweite Ehe – gibt es seit 1995 zwar einen Ausgleich der Pensionskassengelder, d.h. die während der Ehe angesparten Pensionskassengelder beider Ehepartner werden hälftig aufgeteilt. Doch wer nach der Scheidung keinen Job mehr findet, wird kaum weiter in die Pensionskasse (BVG) einzahlen können. Das wäre aber wichtig, weil die erste Säule (die AHV) allein, heute in vielen Fällen den Lebensabend nicht mehr ausreichend finanziert. So kommt es, dass es gerade Frauen sind, die im Alter einem Armutsrisiko ausgesetzt und häufiger auf Ergänzungsleistungen angewiesen sind.

Teilzeit ist ein Risiko

Das Risiko der Altersarmut trifft allerdings nicht nur Geschiedene, sondern auch Teilzeitbeschäftigte oder Personen, die im Konkubinat leben und Kinder oder Eltern betreuen. Gerade das in der Schweiz so beliebte „modernisierte bürgerliche Modell“, bei dem die Frau in einem tiefen Pensum Teilzeit arbeitet (d.h. in der Regel 50 Prozent oder weniger), und der Mann Vollzeit arbeitet, bedeutet in vielen Fällen, dass die Frau keine eigenen oder nur geringe eigene Pensionskassengelder äufnen kann. Der Gender Pension Gap, also der Unterschied der Renten zwischen Frauen und Männern, beträgt in der Schweiz im Durchschnitt 37 Prozent. Das entspricht fast 20 000 Franken pro Jahr, wie eine Studie aus dem Jahr 2016 aufzeigt.

Wer gut verdient, ist gut abgesichert

Die soziale Absicherung in der Schweiz ist also eng verknüpft mit einer Erwerbstätigkeit oder dem Zivilstand. Dieses Modell ist historisch gewachsen – entspricht aber heute in vielen Fällen nicht mehr der gelebten Realität. Das Recht hinkt der Lebensrealität hinterher, weshalb es wichtig ist, dass sich Familien für die Zukunft und das Alter gut absichern.

Wie sieht die Lösung aus? Ein Unterbruch der Erwerbstätigkeit liegt zwar drin, allerdings darf dieser nicht zu lange andauern, um einen Wiedereinstieg eben nicht zu verunmöglichen. Sabina Littmann vom Bundesamt für Sozialversicherungen rät: Mann und Frau sollten theoretisch jederzeit auf eigenen Beinen stehen können. Die schweizerische Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten empfiehlt sogar, während der ganzen beruflichen Laufbahn das Minimum von durchschnittlich 70 Prozent Erwerbstätigkeit nicht zu unterschreiten.

Die AHV verzeiht nicht

Der Status-Quo in der Schweiz ist also, dass Arbeit in Teilzeit ohne genügende (und frühzeitige) Absicherung durchaus zu ungenügenden Ressourcen für die Zeit nach der Pensionierung führen kann. Doch leben wir leider in einem Land, das sich mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nach wie vor schwertut. Das Abwägen zwischen einer Teilzeitarbeit zugunsten der Familie und einer guten Rente im Alter sollte am Familientisch unbedingt besprochen werden. Die meisten jungen Eltern sind sich oft nicht bewusst, was ihre Anstellungsverhältnisse heute für die Zukunft bedeuten können.

 

Teilzeit-Jobs und Jobs mit flexiblen Arbeitszeiten für motivierte Fachkräfte mit Kindern.

 

Nadine Jürgensen  moderiert am 10. April 2018 die Veranstaltung „Beruf und Familie vereinbaren – Absicherung inklusive!“ der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich.

 

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Nadine Jürgensen

Nadine Jürgensen ist Journalistin, Kolumnistin und Moderatorin. Sie ist Juristin mit Anwaltspatent und Mutter von zwei Mädchen. Punkto Vereinbarkeit ist die Schweiz für sie noch immer ein Entwicklungsland – und sie hat viele Ideen, wie das zu verbessern wäre.

5 Comments

  1. Liebe Frau Jürgensen

    Danke für den Beitrag! Ich mache die Erfahrung, dass viele Frauen (mich inklusive) einfach nicht genau wissen, wie sie sich absichern sollten. Ein „How To“ fände ich diesbezüglich grandios.

    • Liebe Nadja

      Vielen Dank für Deinen Kommentar! Bei jobsfürmama.ch werden wir demnächst eingehender zum Thema Vorsorge informieren. Denn wie Du haben wir die Erfahrung gemacht, dass Frauen sich mit der eigenen Altersvorsorge nicht genügend auseinandersetzen – oder auch gar nicht wissen, wo und wie man sich informieren kann. In der Zwischenzeit findest Du erste Informationen auf dieser Seite: Welche Versicherung brauche ich?

  2. Ja das mit der Teilzeit kann in der Tat später zu Problemen werden. Traurigerweise kenne ich dabei im eigenen Bekanntenkreis auch ein paar Mamas auf die das zukommt. Ich denke auch hier ist das eine Frage, wie viel man pro Stunde verdient. Bei Frauen, die nach den ersten paar Jahren nach der Schwangerschaft wieder zu arbeiten anfangen wollen kann aus meiner Sicht Jobsharing helfen. Für die die das nicht kennen, hier ein knapper Artikel der das wichtigste zusammenfasst: https://www.ubc-collection.com/blog/vor-und-nachteile-des-jobsharings/ . Ich finde das Konzept gut, weil man trotz der Verringerten Arbeitszeit dennoch nicht aus der Arbeit raus ist und man somit auch weiterhin interessante Tätigkeiten im Unternehmen ausführen kann, wenn man sich eine Stelle mit einer anderen Person teilt.

  3. Liliane Grüter-Gebistorf

    24. Mai 2018 at 9:20 am

    Liebe Frau Jürgensen, liebes jobsfürmama-Team, liebe Frauen

    Herzlichen Dank, dass Ihr dieses wichtige Thema aufgreift! Als Finanzplanerin berate ich immer wieder Frauen, die sich jahrelang voller Vertrauen hingegeben haben und dann eines Tages vor grossen organisatorischen, emotionalen und finanziellen Problemen stehen. Eine frühzeitige rechtliche und finanzielle Vorsorge ist unabdingbar und auch ohne hohes Arbeitspensum möglich. Da ich selber Teilzeit arbeite, liegt mir die Absicherung aller Frauen besonders am Herzen. Ich stehe Ihnen allen – Frau Jürgensen, dem jobsfürmama-Team und allen Frauen mit Beratungsbedarf – sehr gerne mit allgemeinen Informationen oder individuellen Beratungen zur Verfügung. Sie finden mich unter http://www.lggfinanzplanung.ch.

    Beste Grüsse
    Liliane Grüter

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