Wir müssen es uns leisten offline zu sein

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Lilith schaute irritiert auf mein Handydisplay und tippte mehrmals darauf. Schliesslich gab sie auf und meinte resigniert: «So en Seich!» Das Handy, ständiger Begleiter: Eine deutsche Studie von Anfang Jahr zeigte, dass die durchschnittliche Smartphonenutzerin 88 mal pro Tag auf den Display schaut.

Habe ich als junge Journalistikstudentin, Digital Immigrant und naive Schweizerin an der Uni in San Francisco noch ein Paper geschrieben, in dem ich sauber argumentierte, dass sich Onlineshopping nie durchsetzen werde, kaufe ich heute vor allem online ein. Und dies obwohl ich kleine Läden und Märkte mitsamt ihren nur analog erlebbaren Düften liebe. Klar, Onlineshopping generiert keine Erlebnisse, ist dafür effizient, da auch mitten in der Nacht und ohne Kindergebrüll und -diskussionen verfügbar.

Ständige Verfügbarkeit: Handy&Co sind Wundermittel und Gifttrunk zugleich

Nicht nur Milch und Brot sind ständig verfügbar, nein auch wir Arbeitskräfte. Und das ermöglicht vieles. Den berufstätigen Eltern ermöglicht es zu argumentieren, dass sie für das Büro mindestens die gleiche Leistung erbringen wie jeder andere, einfach zu anderen Zeiten. Und was für Zeiten: Eine Übersetzerin, die vor einigen Monaten Mutter geworden ist, hat ihrem Auftraggeber ihre Abrechnung vorgelegt – sie hat häppchenweise übersetzt, meist im Zeitfenster zwischen 22 Uhr und Mitternacht. Die Ärztin setzt sich zuhause an den Computer, um die per E-Mail geschickten MRI-Aufnahmen zu beurteilen. Mitten in der Nacht, geweckt von dem Vibraalarm ihres Handys. Der Programmierer, der sein krankes Kind zuhause gepflegt hat und deswegen später die Bugs beseitigt – nachdem der Sohnemann weggedöst ist. Das Angebot des Reisebüros, in dem vornehmlich freelancende Mütter arbeiten, trudelte kurz vor Mitternacht ein. Macht alles Sinn, wie sich ein deutscher Unternehmenschef zitieren lässt – seine Programmierer gehen um drei oder vier Uhr nachhause, um die Kids abzuholen und setzen sich dann um 22 Uhr noch eine Stunde hin.

Alles gut also? Nein. Das wird deutlich, wenn man die jüngsten Zeitungsartikel zur Flexibilisierung der Arbeitszeit liest. Die neue Dienstleistungsgesellschaft ermöglicht eine 50-Stunden-Woche. Übersetzt heisst das: Nicht um 16 Uhr nachhause gehen und dann in der Nacht noch eine Stunde dranzuhängen, sondern durcharbeiten bis in die Nacht hinein. So schnell wird aus dem vermeintlichen Wundermittel für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein Gifttrunk.

Wir dürfen unsere Zeit mit der Familie geniessen, denn wir sind ersetzbar

Dieser Gifttrunk wird aber nicht einfach nur von den bösen Arbeitgebern gemixt, sondern wir selber schaffen es kaum, offline zu sein. Die eigene Freizeit durchzusetzen, braucht Selbstbewusstsein und Flexibilität von allen Seiten. Für mich heisst das, dass ich weder abends, an meinem Freitag und noch viel weniger am Wochenende und in den Ferien berufliche Telefonate führen will – und dass ich aber im Notfall meine E-Mails anschaue, falls jemand ohne mein Feedback oder meinen Entscheid in seiner Arbeit nicht weiterkommt. Meine heutigen Vorgesetzten und Arbeitskollegen tun sich kaum schwer damit, denn sie wissen, was ich selbst erst begriffen habe, seitdem ich Mutter bin: Ich bin nicht ansatzweise so wichtig, dass ich unersetzbar wäre. Zugegeben, ich habe ab und zu Rückfälle und will ganz schnell was loswerden, obwohl die Zeit meinen Kids gehört und es sich nicht im Geringsten um einen Notfall handelt. Aber ich arbeite an mir. 

Smartphone-Pause als neue Vorbildfunktion?

Eine weitere Zahl: 70 Prozent der Kitakinder spielen während mehr als einer halben Stunde täglich mit dem Smartphone ihrer Eltern.  Die Zahlen stammen aus Deutschland, für die Schweiz dürften sie ähnlich sein. Aber nicht für meine Kinder. Lilith und Fjonn kuckten früher auf dem iPad ab und zu Wimmelbücher an oder malten auf virtuellen Wandtafeln Fantasiewesen. Als dann Lilith im klassischen Bilderbuch versuchte, durch ein Wischen mit dem Finger auf die nächste Seite zu gelangen, habe ich schon einen künftigen „Smombie“ (Smartphone-Zombie) vor mir gesehen und den iPad und alle anderen nichtanalogen Spielzeuge weitestgehend verbannt. Die farbigen Wände sind nur einer von vielen Preisen, die wir dafür zahlen. Lange werden wir das sowieso nicht mehr durchziehen können, aber für den Moment bewahre ich mir die heile, analoge Kinderwelt. Eben, weitgehend. Denn: Warum bezeichnete meine Tochter mein Handy als «So en Seich»? Sie hat auf dem Display nicht das übliche Bild von sich selbst und Fjonn gesehen, sondern die blinkende Terminerinnerung aus dem Büro.

 

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Vera Beutler

Vera Beutler ist Juristin, Journalistin und Mutter zweier Kinder. Sie liebt ihre Familie sowie ihren Job – und hat bis heute nicht verstanden, warum beides zusammen nicht möglich sein soll.

2 Kommentare

  1. Annette Schmalisch Stam

    25. November 2017 at 10:29 am

    Danke für diesen Artikel. Ich fühle genauso. Ich arbeite täglich an mir, die Zeit, die ich nicht arbeiten sollte, meiner Familie zu widmen. Manchmal ist es nur so schwer, wenn der Kopf voller Arbeit ist.

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